Redeflussstörungen

Symptome Stottern

Die Redeflussstörung „Stottern“ ist gekennzeichnet durch die Kernsymptome Wiederholungen, Dehnungen und Blockierungen von Lauten, Silben oder Wörtern.

In der Folge der Redeunflüssigkeit können sich sich Begleitsymptome entwickeln, dazu zählen

  • Störungen der Atmung
  • Störungen der Stimme
  • Störungen der Aussprache
  • Satzbauveränderungen mit dem Einsatz von Flicklauten, Flickwörtern, Startern aber auch Satzumstellungen. 
  • Mitbewegungen: Die primären Mitbewegungen umfassen die am Sprechen beteiligten Muskeln. Sekundäre Mitbewegungen sind Bewegungen des Körpers mit dem Ziel, die Verkrampfungen der Sprechwerkzeuge zu lösen.
  • verbales Vermeideverhalten
  • nonverbales Vermeideverhalten wie z.B. fehlender Blickkontakt, Vermeiden von Kommunikationssituationen.
  • Vegetative und emotionale Reaktionen wie Schwitzen, Erröten, feuchte Hände, Herzklopfen, Furcht, Ärger, Scham, Erwartungsangst, usw..

Definition

Nach der WHO wird Stottern folgendermassen definiert: Es handele sich um 

"...Sprechrhythmusstörungen, bei denen der Betroffene genau weiss, was er sagen will, aber im Moment aufgrund von unwillkürlichen, sich wiederholenden Verlängerungen oder aufgrund eines Abbruches des Lautes dazu nicht in der Lage ist."

Das Stottern entsteht zu 98% zwischen dem 3. und 5. Lebensjahr. Initial weisen ca. 5% aller Kinder eine Stottersymptomatik von über 6 Monaten Dauer auf. Bei 80% dieser Kinder kommt es aber zur Spontanremission, d.h. nur ca. 1% aller Kinder entwickeln ein manifestes Stottern unterschiedlich starken Ausprägungsgrades. Zu Beginn des Stotterns liegt das Verhältnis von Jungen zu Mädchen bei 1:1, beim manifesten Stottern schliesslich bei 3:1.

Redeunflüssigkeiten sind an sich nichts ungewöhnliches, so weist ein normaler Sprecher bis zu 20% der Sprechzeit Unflüssigkeiten auf, ohne dass diese eine besondere Relevanz haben. Weiterhin gibt es die physiologische Redeunflüssigkeit des Kindesalters, die harmlos ist und vom Stottern abgegrenzt werden muss. Beim eigentlichen Stottern handelt es sich nicht nur um ein „mehr“, sondern insbesondere um eine qualitative Abweichung der Sprechunflüssigkeiten.

Neben dem sogenannten „idiopathischen“ Stottern, welches die häufigste Form dieser Redeunflüssigkeit darstellt, sind die Differentialdiagnosen das neurogene Stottern bei neurologischen Störungen, das posttraumatische Stottern nach Schädel-Hirntrauma oder das psychogene Stottern.

Ursachen

Die Entstehung des Stotterns wird sehr kontrovers diskutiert, wobei rein organische Ansätze in der heutigen naturwissenschaftlich orientierten Medizin eher akzeptiert werden. Es gibt jedoch auch starke Hinweise darauf, dass es sich um ein eher psychosomatisches Geschehen handelt. So entsteht das Stottern zwischen dem 3. und 5. Lebensjahr, also gerade in der Zeit, in der die Individuation des Kindes beginnt. Die Stottersymptomatik ist nicht konsistent, sondern nur in bestimmten Situationen vorhanden: Im Dialog, vor allem unter psychischer Anspannung ist das Stottern eher verstärkt, beim Sprechen für sich allein, beim Zählen, Flüstern, Singen ist häufig normal flüssiges Sprechen zu beobachten.

Bloodstein (1993) führt alle Stottertheorien auf die folgenden drei Grundhypothesen zurück: 

1. Aufgrund hirnorganischer Funktionsdefizite kommt es beim Stottern zu einem Zusammenbruch der neuromotorischen Koordination zwischen Atem-, Stimm- und Sprechmuskulatur („breakdown-hypothesis“).

2. Aus einer organischen Prädisposition und einem hohen sprachlichen Leistungsdruck entsteht Stottern als Kampf- oder Vermeidungsreaktion auf die Erwartung von Sprechproblemen („anticipatory-struggle hypothesis“). 

3. Stottern entsteht aus dem Versuch, zwei unterschiedliche, miteinander konkurrierende Bedürfnisse gleichzeitig zu erfüllen, von denen eines (oder beide) ins Unbewusste verdrängt wurde („unconscious-need-hypothesis“).

Forschung

In den neueren Untersuchungen zur Hirnforschung (PET, fMRT, MEG) konnten beim Stottern Aktivitäten derselben Hirnregionen nachgewiesen werden, wie bei flüssigem Sprechen, aber:

es zeigte sich eine vermehrte Aktivität in den rechts-hemisphärischen Regionen (primärer motorischer Cortex, auditorischer Cortex, Rolandisches Operculum),

eine verminderte Aktivität in den links-hemisphärischen Regionen („Links-Rechts-Shift“),

eine verminderte Aktivität in den auditorischen Regionen beidseits, 

eine vermehrte Aktivität in den medialen motorischen Strukturen (supplementorische motorische Region, Cingulum, Vermis cerebelli)  (Brown et al. 2005),

eine strukturelle Veränderung der weissen Hirnsubstanz links mit Hyperaktivität des rechten frontalen Operculums (Neumann et al. 2005).

Es ist davon auszugehen, dass genetische Faktoren bei der Entstehung des Stotterns einer Rolle spielen, einen Beweis für eine rein genetische Verursachung gibt es nicht. So werden Vererbung und angeborene Konstitution als Prädisposition für eine erhöhte Vulnerabilität angesehen, zusätzlich aber sind Umweltfaktoren unabdingbar, denn aus Prädispositionen allein entsteht kein Stottern. Daher ist es wichtig, dass man sich in der Diagnostik und Therapie nicht nur auf die Beurteilung der Redefluss-Symptomatik beschränkt, sondern auch Umweltfaktoren Raum gibt. Zu diesen Faktoren zählen im Vorschulalter insbesondere die Eltern und die Familie, so dass gerade der Berücksichtigung familiärer Faktoren in der Ätiologie, aber auch in Diagnostik und Therapie (Elterngespräche) eine grosse Bedeutung zukommt.

Poltern

Die Redeflussstörung „Poltern“ zeichnet sich durch ein schnelles, überhastetes Sprechtempo aus. Es kommt zu intra- und interverbalen Akzelerationen, Wort- und Satzverschränkungen, Auslassungen und schnellen Silbenwiederholungen, hier aber im Gegensatz zum Stottern ohne Spannungserhöhungen. Es besteht kein erhöhtes Kommunikationsbedürfnis, Polternde sind eher schlechte Zuhörer.

Das Störungsbewusstsein und damit die Motivation zur Änderung der Sprechweise ist bei Polternden meist gering. Daher sind einer Therapie oft Grenzen gesetzt.

Autor: E. Seifert, Bern

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